AG Gender/Queer Studies

Statement der AG Gender/Queer Studies und Medienwissenschaft der Gesellschaft für Medienwissenschaft zum Netzwerk Wissenschaftsfreiheit

Auch aus unserer Perspektive ist eine Erneuerung und Repolitisierung der Debatte um Wissenschaftsfreiheit dringend. Wir unterstützen daher die Initiative ausdrücklich in ihrem Anspruch, Wissenschaftsfreiheit überhaupt erst zu ermöglichen und sich aktiv gegen Diskriminierung und Prekarisierung einzusetzen. Gender Media Studies betrachten die mediale Funktion in der Re/Produktion von Geschlecht und Begehren durch Kulturtechniken und Praktiken wie Film, visuelle Kultur, Programmierung, Fotografie, Algorithmen, die Produktion von Räumen, Computerspiele und vieles mehr. Dabei gehen wir davon aus, dass sich Geschlecht und mediale Praktiken gegenseitig bedingen. Wir befinden uns also auf doppelte Weise inmitten eines gesellschaftlichen Kampffeldes, da wir aktuelle Medienpraktiken untersuchen und diese aus Sicht der Geschlechterforschung analysieren und theoretisieren. Analysen im Feld der Gender Media Studies sind also insbesondere in mediale Kämpfe um Deutungshoheit eingelassen. Dabei werden Forschende in den sozialen Medien oft für ihre Positionen angegriffen und es wird versucht, sie zum Schweigen zu bringen.
Für diejenigen Wissenschaftler*innen, die im Feld von Gender und Queer Studies aktiv sind, ist die Freiheit ihrer Arbeit seit einiger Zeit gefährdet: Forschende werden europaweit und international angegriffen, bekommen Drohungen und müssen um ihr seelisches und körperliches Wohl fürchten. Die Debatte über die Legitimität der Geschlechterforschung wird mittlerweile breit und nicht nur in dezidiert rechten Kreisen geführt. Dies zeigt sich darin, dass schon unser Einsatz für den Anspruch von Wissenschaftsfreiheit und Antidiskriminierung den Angriff von jenen gesellschaftlichen, akademischen wie nicht-akademischen Kräften riskiert, die sich gesellschaftlicher Vielfalt und der allgemeinen Ermöglichung von Teilhabe entgegenstellen.
Gender Studies und Queer Studies wird ebenso wie Critical Race Studies, Postcolonial Studies und verwandten akademischen Feldern, die sich kritisch mit Differenzkategorien wie Gender, Sex, Race oder Class auseinandersetzen, immer und immer wieder die Wissenschaftlichkeit abgesprochen. Die Wissensproduktion dieser Disziplinen wird so delegitimiert. Unsere Analysekategorien wie etwa die des sozialen Geschlechts oder eines sich wandelnden, nichtheteronormativen Begehrens werden ebenso zu gesellschaftlichen Kampfbegriffen wie sich wandelnde sprachliche und andere mediale Bezeichnungspraktiken. Die Theorie-/Geschichten zentraler Begriffe dieser Felder werden somit aus ihren epistemologischen Kontexten und aus der kritischen Debatte um die institutionelle Praxis der Wissensproduktion herausgelöst und innerhalb politischer Debatten instrumentalisiert. Diese Begriffe sollen ihrem theoretischen Anspruch nach politische Wirksamkeiten entfalten, nämlich genau in der Analyse komplexer gesellschaftlicher Problemlagen, die durch Formen von Diskriminierung und Prekarisierung strukturiert sind. Als solche beteiligen sie sich auch an kritischen Debatten um die institutionelle Praxis der Wissensproduktion und ihrer Bedingungen. Jedoch handelt wissenschaftliche Arbeit ihren Diskurs inhaltlich, methodisch und theoretisch immanent aus. Voraussetzung dafür, und damit: für Wissenschaftsfreiheit ist, dass Wissenschaftler*innen nicht befürchten müssen, herabgesetzt, delegitimiert und angegriffen zu werden.