Forum Antirassismus Medienwissenschaft (FAM)

Statement des Forum Antirassismus der Gesellschaft für Medienwissenschaft zum Netzwerk Wissenschaftsfreiheit

Unser Verständnis von Wissenschaftsfreiheit

Dieser Text ist eine Positionierung des Forums Antirassismus Medienwissenschaft zum Begriff Wissenschaftsfreiheit. Das Forum Antirassismus Medienwissenschaft (FAM) setzt sich aus der Gesellschaft für Medienwissenschaft heraus auf struktureller, institutioneller und inhaltlicher Ebene für Vielfalt und Perspektivwandel ebenso ein wie für antirassistische Formate und Themen in Forschung und Lehre. Wir sind eine wachsende Gruppe von aktuell 70 Medienwissenschaftler*innen. Wir denken Rassismus intersektional und wollen dazu beitragen, die Strukturen, aus denen Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Klassismus und weitere Formen der Diskriminierung gewachsen sind, sichtbar zu machen und zu bekämpfen. Wir verstehen Wissenschaftsfreiheit als Freiheit von Diskriminierung, Ausschluss und Abwertung. Wissenschaftsfreiheit ist für uns damit die aktive Ermöglichung von Vielfalt und Teilhabe an der Wissenschaft. Nur auf diese Weise kann die Wissenschaft dem Anspruch nachkommen, sich beständig selbst zu reflektieren. Dies ist notwendig, damit gewährleistet werden kann, dass sich die Wissenschaft nicht von aktuellen Entwicklungen entkoppelt, sondern auf eine Teilhabe hinwirkt, in der sich die Vielfalt unserer Gesellschaft abbildet. Als FAM verstehen wir Wissenschaftsfreiheit daher auch als solidarische Praxis und als Arbeit an Diskriminierungszusammenhängen. Durch rassismus- und diskriminierungskritische Formate, Themen und proaktive Förderung von diversen Biographien und Karrieren wollen wir zur Wissenschaftsfreiheit der Vielen beitragen.

Wissenschaftsfreiheit ist nicht Freiheit von Verantwortung

Es gehört zur Wissenschaftsfreiheit, die Bedingungen zu kritisieren, unter denen Wissen produziert wird, um diese Kontexte verändern zu können. Wissenschaftsfreiheit geht für uns daher auch mit der Aufgabe einher, etabliertes Wissen, Theorien, Strukturen und Vorgehensweisen in der Wissenschaft einer immer wiederkehrenden kritischen Prüfung zu unterziehen. Forschung und Theorien dazu existieren seit Jahrzehnten: Auf offene oder verborgene Praktiken der Regulation von Wissen hinzuweisen und Stimme und Gehör einzufordern, ist sowohl Verdienst kritischer Forschung als auch der postkolonialen Studien, Border Studies, Migrationsstudien, Black Studies, Gender Studies, Queer Studies, der Disability Studies, um nur einige zu nennen. Im FAM arbeiten wir auf Basis dieser Ansätze. Wir arbeiten aber auch mit Menschen jenseits der Universität, um nicht nur innerhalb der Institution die Bedingungen der Wissensproduktion zu reflektieren und zu verändern, sondern um sie zu erweitern und zu fragen, welches Wissen überhaupt anerkannt wird. Die eigenen Bubbles bisweilen zu verlassen, sehen wir als gesellschaftlich verantwortungsvolle Praxis der Wissenschaft an. Wissenschaftsfreiheit ist nicht die Freiheit, sich über soziale Bedingungen zu erheben. Sie bedeutet, diese Bedingungen verantwortungsbewusst zu durchbrechen. 

Antirassistische Arbeit als Arbeit an der Wissenschaftsfreiheit

Wir gehen davon aus, dass Wissenschaft rassifizierendes Wissen produziert (hat) und sich daher auf allen Ebenen von Forschung, Lehre und Selbstverwaltung mit der Geschichte und Gegenwart des Rassismus auseinandersetzen muss. Wir arbeiten auf den verschiedenen Ebenen, auf denen Rassismus an der Universität wirkt. Inhaltlich stellen wir uns etwa der historischen Verquickung unseres Fachs mit „Technologien von race“, d. h. Medien wie Film, Fotografie, kolonialen Infrastrukturen oder Algorithmen. Historisch bedingt durch Kolonialismus und Nationalsozialismus wirkten und wirken viele Medien rassifizierend. Indem wir uns kritisch den Mechanismen von Ausschluss und Abwertung sowie den strukturellen und historisch gewachsenen Machtformen unseres Feldes zuwenden, streben wir eine größere Vielfalt von Zugängen, Denkrichtungen und Methoden an. Uns geht es darum, mehr und andere Perspektiven sichtbar und hörbar zu machen als jene, die eine universelle Objektivität für sich beanspruchen und als Norm gelten wollen.

Wir reflektieren unsere eigene professionelle und persönliche Verstricktheit in die Produktion und Vermittlung von Wissen, welches auf rassistischen und antisemitischen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsweisen fußt. So wollen wir Teil eines Kulturwandels werden, der Wissenschaftsfreiheit nicht jenseits der kritischen Beschreibung der Zustände und des aktiven Eintretens für Veränderung versteht.

Sprache ist Indikator von Wandel. Uns interessieren daher Formen von Sprache, die Diskriminierung minimieren und stellen uns neuen Entwicklungen und Kritiken auch von außerhalb der Universität.

Was heißt Freiheit der Wissenschaft?

Wir engagieren uns für die institutionellen, politischen, kulturellen und epistemologischen Bedingungen, die Wissenschaftsfreiheit sichern – wir gehen allerdings nicht davon aus, dass es jemals eine freie Wissenschaft gab, die erst jetzt bedroht wird. Wir möchten auf eine Wissenschaft hinwirken, die vielfältige Perspektiven und Positionen einschließt. Wissenschaftsfreiheit ist aktuell ein Kampfbegriff, in dem Sinne, dass Einschränkung und Begrenzung skandalisiert werden. Ihre Verteidigung erscheint als Verteidigung liberaler Werte wie Freiheit und Universalismus, als Abstraktion und Unsichtbarmachung von der konkreten gesellschaftlichen Erfahrung fortschreitender Ungleichverteilung von Anerkennung, Teilhabe und der Sicherung von Grundrechten. Bedingung der Herstellung von Freiheit in Wissenschaft und Lehre sind auch Techniken, die wir gemeinsam entwickeln, um Freiheit solidarisch, empathisch und als nie vollendetes Projekt zu sehen. Wir verstehen Freiheit nicht als die Verteidigung des Status Quo, sondern verstehen die Universität als Ort, der vielfältiger, kritischer, solidarischer werden soll. 

Durch kritische Arbeit an und mit kanonisch gewordenen Texten fördern und fordern wir Vielfalt in der Lehre, sowie die Freiheit, mit den Deutungshoheiten der häufig homogenen Wissensformationen zu brechen​​​​​​​. Durch Trainings und Weiterbildungen bieten wir rassismuskritische, empowernde und kritische Perspektiven auf Wissenschaft und Lehre an. Wir sensibilisieren für die Frage von strukturellem Ausschluss, weil wir annehmen, dass Privilegien auf der Ungleichverteilungen von Zugängen zur Wissenschaft beruhen. 

Antirassistische Medienwissenschaft kann dazu beitragen, Wandel zu gestalten. Denn Medienwissenschaft fragt: Wie wird Öffentlichkeit möglich gemacht? Wer ist daran beteiligt? Welche Mechanismen machen Artikulationsformen möglich und plausibel? Welche Stimmen gehört werden, Anerkennung und Förderung erfahren ist im Wandel. Wir beteiligen uns aktiv an diesem Wandel und sehen Wissenschaftsfreiheit als Engagement für mehr Teilhabe. Wir entwickeln daher Kriterien für Stellenbesetzungsverfahren, weil wir die Durchbrechung intransparenter oder einseitiger Verteilungskriterien für Anerkennung und Ressourcen als Praxis sehen, Wissenschaftsfreiheit herzustellen. Indem wir uns fragen, wie wir Podien inklusiv gestalten, wessen Texte wir lesen, welche Sprache, Theorie und Verfahren wertgeschätzt werden, streben wir Freiheit von Ausschluss und Silencing an. Wir streben es an, Räume zu schaffen, in denen diese Fragen verhandelbar werden, anstatt uns gegen diese von vornherein zu wehren. Wir lernen von Kollaborationen mit zivilgesellschaftlichen Bündnissen, von bisher wenig beachteten Weisen der Wissensproduktion und den Dynamiken von Sprache und Anerkennungspolitiken im Wandel, die oft an Orten außerhalb der Universität entstehen.

Die Reproduktion von Normen schränkt Wissenschaftsfreiheit ein

Freiheit in der Forschung und überhaupt Teilhabe an Wissensproduktion existiert historisch und aktuell nur für einen kleinen Teil der Gesellschaft. Dass dieser Teil sich selbst als universelles Subjekt setzt und nun in Teilen bedroht fühlt, setzt die Freiheit einer relativ kleinen Gruppe als Definition von Freiheit per se. Sie versteht Freiheit als Diskurshoheit, die nur kritiklos geäußert angehört werden soll. Ein Opfer der Einschränkung von Wissenschaftsfreiheit zu sein, kann nicht heißen, nicht mehr mit Personen und Themen konfrontiert zu sein und in allen Teilen der Gesellschaft Einfluss nehmen zu können. Es geht uns daher darum, die Partialität der eigenen Perspektive, die Partialität der eigenen Perspektive anzuerkennen und sie mit anderen Positionen in einen Dialog zu bringen​​​​​​​.

Die Reproduktion von Privilegien schränkt Freiheit aktiv ein. Die Universität ist historisch ein Ort, an dem in besonderer Weise Macht und Wissen zusammenkommen. Wissenschaftsfreiheit ist also keine Verteidigung dieses Ortes als unschuldigem Ort. Jahrhundertelang hat die universitäre Wissensproduktion ihren Zugang extrem reguliert: Frauen*, verarmte Menschen, Queers, People of Colour, Menschen mit Migrationsgeschichte, Indigene Menschen und andere abgewertet, ausgeschlossen und damit ein spezifisches Wissen hergestellt, welches diesen Ausschluss perpetuiert und manifestiert hat. Auch heute noch greifen diese historisch gewachsenen Strukturen. 

Eine mehrheitlich weiß-männliche Universität ist eine lediglich auf institutionalisierter Ebene als eine freie Universität zu verstehen. Sie existiert in der Reproduktion ihrer immer gleichen Muster. Freiheit heißt auch, diese Reproduktionsmuster zu durchbrechen und Bestehendes anzuzweifeln. Freiheit wird sonst einfach die Freiheit von anderen Stimmen und Biographien behelligt zu werden. Freiheit wird sonst Freiheit ohne Vielfalt in den Perspektiven und Möglichkeiten, und damit lediglich die Freiheit weiterzumachen wie bisher.

Bildungs/Exklusion schränkt Wissenschaftsfreiheit ein

Gerade in Deutschland ist die Bildungsmobilität äußerst gering. Nur eins von 100 Kindern aus einem Nichtakademiker*innenhaushalt beendet die Promotion und schafft den Einstieg in die Wissenschaft (https://www.hochschulbildungsreport2020.de/chancen-fuer-nichtakademikerkinder) Wissenschaftsfreiheit ist auch die Ermöglichung von Zugang, Unterstützung und Förderung von First Generation Academics. Da Rassifizierung, Verarmung sowie Vergeschlechtlichung häufig zusammenwirken, befassen wir uns mit den Verschränkungen von Klasse, Gender und race. Es ist auch Teil von Wissenschaftsfreiheit, Exklusionsmechanismen freizulegen und Verantwortung für diese auf allen Ebenen des Wissenschaftsbetriebs zu übernehmen.

Prekarisierung schränkt Wissenschaftsfreiheit ein

Die Prekarisierung und künstlich aufrechterhaltene Abhängigkeitsverhältnisse in wissenschaftlichen Karrieren schränken ebenfalls Wissenschaftsfreiheit ein. Mangelnde Transparenz von Kriterien des Erfolgs machen Biographien unplanbar. Dies trifft ohnehin marginalisierte Gruppen und Individuen auf besondere Weise und wirkt so als zusätzlicher Hebel des Ausschlusses und der Verstärkung gesellschaftlicher Ungleichheit. Intransparenz und entfesselter Konkurrenzdruck fressen Ressourcen und gefährden Kollaboration und Zusammenarbeit in der Wissenschaft. Freie Lehre und Forschung ermöglichen innovatives, mutiges und unerwartetes Denken nur durch sichere Planung und größtmögliche Freiheit von direkter Abhängigkeit. 

Wissenschaftsfreiheit gegen rechts verteidigen

Es gibt Bedrohungen der Freiheit von Wissenschaft, Forschung und Lehre weltweit. Diese äußert sich aber nicht in der Kritik an etabliertem Wissen, Theorien, Strukturen und Vorgehensweisen in der Wissenschaft und ihrer Institutionen. Es gibt eine steigende Zahl gefährdeter Wissenschaftler*innen, die ihrer Arbeit in ihren Heimatländern nicht mehr in Sicherheit nachgehen können und deren Freiheit und Leben bedroht wird. Auch in Europa ist die Wissenschaftsfreiheit konkret bedroht, wie die Angriffe auf die Gender Studies in Ungarn zeigen, mit denen sich Teile der AfD solidarisiert haben. Gender Studies werden ridikülisiert, ihre Legitimation angezweifelt, Forschende diskreditiert. Rechte Parteien machen dies explizit zu ihrer politischen Agenda und ernten damit direkt und indirekt Zustimmung in konservativen Kreisen. Wissenschaftler*innen aus den Bereichen der Gender Studies, der Intersektionalitätsforschung und der Postkolonialen Theoriebildung werden angegriffen und bedroht. Entwicklungen wie diese schränken Wissenschaftsfreiheit ein, sie bedrohen Forschende physisch, psychisch und ökonomisch und verunmöglichen kritische Forschung. 

Wir nehmen es nicht hin, dass Wissenschaftsfreiheit unter der Bezugnahme auf „Sachlichkeit“, „gegenseitigem Respekt“ und „freier Debattenkultur“ (Netzwerk Wissenschaftsfreiheit) vereinnahmt wird, um kritische Auseinandersetzungen zu diffamieren.

Das Ausbleiben von Zustimmung und die Formulierung von Kritik, an Positionen, die der Rechtfertigung des Status Quo dienen, sind etwas anderes als Zensur und Bedrohung. Darauf zu bestehen, Zustimmung zu seiner*ihrer Meinung zu bekommen, ist ein reduktives und gefährliches Verständnis von Wissenschaftsfreiheit. Wenn man behauptet, die Grenzen dieser Freiheit seien ausschließlich ein einzelner Paragraph aus dem Grundgesetz (Netzwerk Wissenschaftsfreiheit), dann kann man implizit umgekehrt nicht von hehren Maximen sprechen und auf mehr Privilegien pochen, die über diese Minimaldefinition des Grundgesetzes hinausgehen. Denn es ergibt sich sonst eine privilegierte Position für diejenigen, die zur Maxime ihres Handelns lediglich Gesetze sehen, die Wissenschaftsfreiheit einschränken und nicht vor Diskriminierung schützen. Ob eine solche Inanspruchnahme wirklich für „Freiheit“ steht, erkennt man daran, ob sie dazu führt, die am Diskurs beteiligten Stimmen zu verknappen oder aber sie zu erweitern. Ob es nicht nur mehr Freiheit für diejenigen gibt, die die Privilegien des Sprechenkönnens und der Repräsentation traditionell bereits genießen. Der oft in Anspruch genommene Status einer Minderheit, die am Sprechen gehindert werde, wie er von der Neuen Rechten in Anspruch genommen wird, führt in die Irre. Eine Minderheit ist zudem nicht unbedingt eine numerische Minderheit (wie man an der Gruppe „Frauen*“ sieht), vielmehr geht es um minorisierte und diskriminierte Positionen.

Wissenschaftsfreiheit verstehen wir als aktiven Schutz vor Diskriminierung und der Verletzung von Forschenden und Lehrenden, insbesondere von bisher nicht repräsentierten Gruppen.